Die Retter

 

Die Kindertransporte waren eine Rettungsaktion, eine Bewegung,
an der sich viele Organisationen und Einzelpersonen beteiligten. Sie war
einzigartig, weil Juden, Quäker und Christen vieler Glaubensbekenntnisse
gemeinsam an einem Strang zogen, um vorrangig jüdische Kinder zu retten.
Viele große Persönlichkeiten halfen: Lord Baldwin, Autor des berühmten
Aufrufs an das britische Gewissen; Rebecca Sieff, Sir Wyndham Deeds,
Viscount Samuel; Rabbi Solomon Schonfeld, Nicholas Winton, der die
tschechischen Transporte organisierte; und die Quäkerführer Bertha Bracey
und Jean Hoare und viele andere.

 

Die Quäker

 

Während der ersten Jahre des Dritten Reiches erhielten die Quäker
den Ruf, dass sie Jüdinnen und Juden und jedem, der vor den Nazis in Europa flüchten
musste, bereitwillig bei der Flucht halfen. Quäker und Zeugen Jehovas
erweiterten ihre Hilfe für Jüdinnen und Juden und machten sie zu formeller Kirchenpolitik.
Kurz nach der Reichskristallnacht im November 1938 setzten sie sich für die
Immigration von Juden und Jüdinnen aus Deutschland und Österreich ein
und unterstützten diese auch finanziell. Sie reagierten auch auf das immer
größer werdende Problem, dass tausende von Kinder und Säuglingen,
deren Eltern in Vernichtungs- oder Konzentrationslager geschickt wurden,
jemanden brauchten, der sich um sie kümmerte, und so übernahmen sie
eine aktive Rolle bei den Kindertransporten.
In einer Welt, die durch Hass und Krieg zerrissen war, half die Gesellschaft
der Freunde allen Menschen in ihrem Schmerz und ihrer Not – und
riskierten durch ihre offenkundige Opposition gegen Hitlers Deutsches
Reich ihr Leben.

 

Die Cristadelphians

 

Die Christadelphians reagierten auf den Aufruf, Kinder vor der Naziherrschaft
zu retten, indem sie Geld sammelten, um die Evakuierungen zu
finanzieren, und indem sie in ihrer Gemeinschaft ein zu Hause für diese
Kinder suchten. Sie reisten immer wieder zu den jungen Ankommenden,
um verängstigte und weinende Kinder abzuholen, manche jünger als drei
Jahre. Die Szenen waren so herzzerreißend, dass sogar “eiserne Londoner Bobbys” (Londoner Polizisten) zu Tränen gerührt waren. Die Kinder wurden gesammelt und man fand ein zu Hause für sie. Einige Wohnheime wurden eingerichtet, damit sich in den Jahren des Krieges jemand um die jungen Burschen unter den Flüchtlingen kümmerte.

 

Nicholas Winton

 

Nicholas Winton, damals ein 29-jähriger Mitarbeiter an der Londoner
Börse besuchte Prag in der damaligen Tschechoslowakei Ende 1938. Er war
nur zwei Wochen in Prag, aber er wurde durch Flüchtlingsströme aufgrund
der bevorstehenden Nazi-Invasion alarmiert. Er erkannte sofort die imminente
Gefahr und beschloss mutig, dass er alles nur Erdenkliche tun würde,
um so viele Kinder wie möglich aus dem Geltungsbereich der Nazis zu
bekommen.
Er hatte sein Büro am Esstisch eines Prager Hotels eingerichtet und
bald wusste man vom “Engländer am Wenceslas Platz“. Eltern strömten zu
ihm ins Hotel und wollten ihn dazu überreden, ihr Kind auf die Liste zu setzen,
verzweifelt versuchten sie, ihre Kinder aus dem Land zu bekommen, bevor
die Nazis kamen.
“Es schien hoffnungslos“, sagte er Jahre später, “jede Gruppe war der Meinung, dass es für sie am dringendsten wäre.“ Bevor Winton Anfang 1939 wieder nach London zurückkehrte, schaffte er es, die Organisation für die tschechischen Kindertransporte in Prag einzurichten,
damit er alles Notwendige dann von Großbritannien aus veranlassen könnte.
Für jedes Kind musste er Pflegeeltern finden und eine Garantie von
50 Pfund – zu dieser Zeit ein kleines Vermögen – vorweisen können. Er musste
auch Geldgeber finden, die die Transporte finanzierten.
In neun Monaten hatte Nicholas Winton es geschafft, 669 Kinder,
hauptsächlich aus der Tschechoslowakei, aber auch aus Österreich und
Deutschland in 8 Zügen aus den Ländern wegzubringen. Ein Kind nach dem
anderen wurde von seinen Pflegeeltern abgeholt und zu ihnen mit nach Hause
genommen, sie wurden von ihnen vor dem Krieg und vor dem Genozid
gerettet, der ihre Familien in der Heimat töten sollte.

 

Rabbi Dr. Solomon Schonfeld

 

Einer der bemerkenswertesten Retter war Rabbi Solomon Schonfeld,
der persönlich tausende Juden zwischen 1938 und 1948 vor den Nazis in
Mittel- und Osteuropa rettete.
Ein sehr charismatischer und engagierter junger Mann, der im Alleingang
mehreren tausend Menschen zur Flucht nach England verhalf und
seine “Schützlinge“ nicht nur in Sicherheit brachte, sondern sie auch mit
einem zu Hause, Ausbildung und Arbeit versorgte.
Im Herbst 1938, nach der Reichskristallnacht, bat ihn Julius Steinfeld,
ein österreichischer Gemeindevorstand, inständig, einen Kindertransport
nach England zu organisieren. Rabbi Schonfeld organisierte einen Zug
nach Wien und verhalf dann beinahe 300 Kindern zur Flucht in einem Kindertransport,
wobei er gegenüber der britischen Regierung persönlich die
Garantie für die Kinder übernahm, um deren Einreise zu ermöglichen.
Schlussendlich rettete er viertausend Kinder. Sogar noch vor den Kindertransporten
brachte Rabbi Schonfeld 1.200 deutsch-jüdische Gemeindearbeiter
und deren Familien nach England.
Während des Krieges setzte er sich intensiv dafür ein, temporär Zuflucht
für viele zu finden, wann immer es ihm möglich war und schaffte es,
tausende von Visa zu bekommen, damit Menschen flüchten konnten.
Nach dem Krieg eilte er auf den befreiten Kontinent zurück und half,
die seelischen und physischen Nöte der Überlebenden zu lindern und sie
aus dem kriegszerrütteten Europa zu evakuieren.