Rosie Potter und Patricia Ayre - Kuratorinnen

 

Die Gedenkausstellung „Für das Kind“ hat auf ihrer über 10 Jahre

dauernden Reise an sehr wichtigen Orten (London, Wien, Mauthausen, Prag,

etc.) Station gemacht. Sie wird auch weiterhin an geeigneten Orten Gast

sein, im Ermessen ihrer außergewöhnlichen „Sachwalterin“, und Agentin

Milli Segal. Jetzt hat sie ein permanentes zu Hause gefunden dank des für

die Kunst sehr engagierten Hrn. Dr. Schweinhammer und seiner Frau Mirella

Zamuner, die sich großzügiger Weise bereit erklärt haben, für das „Für das

Kind – Museum zur Erinnerung der Kindertransporte zur Rettung jüdischer

Kinder nach Großbritannien 1938/39“ unentgeltlich Räumlichkeiten zur Verfügung

zu stellen. Diese wichtige Ausstellung wird nun integraler Teil ihrer

Galerie in der Radetzkystrasse sein.

„Für das Kind“ erinnert an die Ankunft von 10.000 Flüchtlingen zwischen

1938 und 1939 in London, Kinder zwischen drei Monaten und 17 Jahren alt,

die vor der Verfolgung der Nazis flüchteten. Die fotografischen Arbeiten

basieren auf einer Serie von Stillleben, die Dinge zeigen, die die Kinder auf

ihrer Reise mitnahmen, als sie ihre Heimatländer Deutschland, Österreich

und die Tschechoslowakei mit der „Operation Kindertransport“ in dieser

Zeit verließen. Die Arbeiten wurden von mir und Patricia Ayre zwischen 2000

und 2003 zusammengestellt, da bei der „Reunion of Kindertransports“, die

in London abgehalten wurde, die überlebenden „Kinder“ von damals den

Wunsch äußerten, ein Denkmal setzen zu wollen. Dieser Wunsch brachte uns

und die Bildhauerin Flor Kent auf die Idee, zwei Wege zu gehen. Kent schuf

Bronzestatuen von Kindern, die nach den Ebenbildern der Nachkommen der

damaligen „Kinder“ kreiert und die dann außerhalb des Bahnhofs Liverpool

Street, dem Hauptankunftsbahnhof der Kindertransporte, errichtet wurden.

Patricia und ich hingegen sollten für unsere Gedenkausstellung zu den

historisch bezogenen Orten fahren, in die Länder, aus denen die Kinder

ursprünglich stammten und wo durch die Gräuel des Nazi Regimes für viele

Jahre die Abwesenheit von Juden eine große kulturelle Leere hinterlassen

hatte.

Das ursprüngliche Ziel des Projekts „Für das Kind“ war es, diesen Teil

der Geschichte, von dem wenige wissen, einem neuen Publikum vorzustellen

und gleichzeitig die Kinder mit ihrer eigenen Geschichte in Verbindung zu

bringen, und zwar durch primäre, physische und authentische Elemente des

Überlebens eingebettet in die Arbeit selbst. Eine Serie von Inseraten ging

durch die Jüdische Presse, in denen darum gebeten wurde, dass Originalobjekte,

die die Kinder damals auf ihrer Zugreise mitnahmen, gesucht und

an die Künstlerinnen geschickt werden sollten. Dieses Ansuchen traf auf

große Resonanz. Die gesandten Objekte waren: Fotografien, Bücher, Puppen,

Eislaufschuhe, Hausübungshefte, Schulmitteilungen, Kleidungsstücke, Schuhspanner,

Bettwäsche und die Schürze einer Mutter. Das Projekt inspirierte

„die Kinder“ dazu, Dinge herzugeben, die noch nie zuvor einem Nationalmuseum

oder einem Archiv angeboten worden waren.

Die Gegenstände jedes einzelnen wurden in einen Originalkoffer

gelegt und direkt von oben mit einer analogen Großbildkamera fotografiert,

damit ein einheitlicher Blickwinkel und das tatsächliche Größenverhältnis in

Bezug auf den Inhalt erhalten blieb. Manchmal ist der Koffer ziemlich voll,

manchmal ist nur ein Foto darin, das hing einzig und alleine von den Gegenständen

ab, die zur Verfügung gestellt wurden, nichts wurde bearbeitet.

Der Titel „Für das Kind“ wurde direkt von einer kleinen Ansammlung

von Dingen in einem Koffer genommen, der Pauline Warner (geb. Makowski)

gehört hatte, darin befanden sich 3 Kinderkleiderbügel auf denen die Worte

Fürs Liebe Kind“, „Dem Braven Kind“ und „Für das Kind“ standen.

Jeder der 23 Drucke, aus denen die Ausstellung besteht zeigt einen

Originalkoffer, der von einem Kind vor über 70 Jahren getragen wurde, als

es in eine ungewisse Zukunft fuhr.

Diese persönlichen Schätze, die jedem Kind in einem seiner wichtigsten

Momente seines Lebens mitgegeben wurden, sind bedeutungsvoll, nicht

nur im Zusammenhang mit einem eindeutig religiösen Hintergrund, sondern

auch als großer Teil des individuellen Verständnisses jedes einzelnen in

Bezug auf sein oder ihr nationales Erbe hinsichtlich geographischer und

kultureller Einflüsse.

In vielen Fällen stehen diese Gegenstände für den letzten physischen

Kontakt, den die Kinder mit einem ihrer Elternteile hatten. Mit diesen Gegenständen

schwingt eine kollektive Erinnerung einer Gruppe mit. Sie sind vertraute,

tröstliche Symbole der Kindheit und dennoch stehen sie zwischen

zwei Welten, dem „Hier“ und dem „Dort“; ihre oft reduzierte Größe ließen

ein Leben vermuten, das noch unfertig war. Die Drucke sind auf Wänden

aufgehängt und in tiefen Holzrahmen eingelassen, wie traditionelle Meisterwerke

in einem Museum. Der in Glas eingravierte Text vor dem Bild zeigt die

heutige Handschrift des oder der Überlebenden, ein Ausschnitt, der aus persönlichen

Darstellungen, Briefen, Telefongesprächen und Treffen mit den

Künstlerinnen herangezogen wurde.

Ein Stift und eine weiße, A6-große Postkarte wurden an jedes ehemalige

„Kind“ gesandt und sie wurden darum gebeten, zum einen, den Textausschnitt

zu verifizieren, der aus den persönlichen Gesprächen oder Texten

ausgesucht wurde und zum anderen, diesen auf die Postkarte zu schreiben.

Die Handschrift wurde vergrößert, aufkaschiert und auf hochwertige Selbstklebefolien

gelegt, die dann auf dem Glas befestigt wurden und Teil des

fertigen Werkes waren. Jedes Textstück wurde vorsichtig mit der Hand aus

den dünnen Selbstklebefolien ausgeschnitten und mittels Gebläse mit

feinem Sand bestrahlt, um die Radierung zu produzieren. Eine sehr heikle

Arbeit, die von Patricia Ayre, Glaskünstlerin und ehemalige Studentin des

Royal College of Art gemacht wurde.

Der eingravierte Text, der bei jedem Druck einzigartig und immer unterschiedlich,

über oder quer über die Gegenstände gelegt wurde, führt zu

subtiler Interaktion negativer und positiver Effekte, die mit den scharfen und

mit den verzerrten Schatten, die durch das Umgebungslicht geworfen werden,

Metaphern der Erinnerung kreieren. Diese Graffiti-artigen Texte stören das

Gleichgewicht des implizierten „Museums“, bringt den Leser weg von der

einfachen Betrachtung einer Ansammlung von historischen Gegenständen

zum Erkennen der zentralen Bedeutung derjenigen, die direkte Zeugen der

Geschehnisse der Geschichte sind.

2013 hat Dr. Pnina Rosenberg, Lektorin und Historikerin am Technion in Haifa, beide Elemente des Projektes „Fürdas Kind“ in einem Artikel in „Prism“, einer interdisziplinären Fachzeitschrift

für Holocaustlehrende besprochen, indem sie schrieb:

Diese beiden revolutionären Denkmäler ergänzen einander und brennen

die Odyssee der Kindertransporte in unsere kollektive Erinnerung.

Weiters meint sie: „Diese wichtige Manifestation kollektiver Erinnerung beschreibt

die Wandlung und die Neugestaltung des ,Archivs, durch die innovationsförderliche

Umsetzung des Konzeptes eines Denkmals durch die Künstlerinnen.

Sie sind gleichzeitig Denkmäler und Familienalben, privat und doch

öffentlich zugänglich und deshalb eröffnen sie einen Dialog und erschaffen

eine neue Sprache der Kunst, die die Anforderungen einer überlasteten

kollektiven Erinnerung des 21-ten Jahrhunderts hervorragend erfüllt.

Dr. Rosenberg schließt damit, dass jeder Koffer, der von jedem einzelnen

dieser Kinder auf seiner jeweiligen Reise getragen wurde und in dem Werk

„Für das Kind“ gezeigt wird, die vielen humanitären und mutigen Taten

betont und unterstreicht, durch die diese Kinder in Sicherheit gebracht wurden

und symbolisieren nicht nur ihr Überleben, „sondern unser eigenes Überleben

in einer Welt, in der ständige Veränderungen und Unruhen weiterhin für die

physische und moralische Beschaffenheit der Gesellschaft eine Herausforderung

darstellen, in der Kinder auf der ganzen Welt noch immer Vertreibung

und schmerzvolle Trennungen erfahren müssen.“

Wir Künstlerinnen wollten den ehemaligen „Kindern“ der Kindertransporte

ein Medium für ihren persönlichen Ausdruck bieten und gemeinsam haben

wir danach getrachtet, ein Werk zu kreieren, dass eine wirkliche und direkte

Verbindung zu ihrer Erinnerung und zu den wichtigen historischen Geschehnissen

darstellt, deren Zeugen sie sind, und die ihr Leben dauerhaft verändert

haben.

Rosie Potter, Juli 2014